Volker Straebel

PLEJADEN - Sieben ähnliche Stücke für Klavier und Orchester
Grosskopfs Umgang mit der musikalischen Zeit

Von den Plejaden, den sieben Töchtern des Atlas und der Okeanide Pleinone, heißt es, der wilde Jäger Orion habe sie gejagt und Zeus hätte, um die göttlichen Mädchen zu schützen, sie zunächst in Tauben (peleiades), dann in ein Siebengestirn verwandelt und sie, wie schließlich auch Orion, ans Himmelsgewölbe versetzt. So wurden Jäger und Gejagte gleichermaßen der irdischen Welt enthoben, worauf Sappho anspielt in einem Fragment: "Hinabgetaucht ist der Mond und / mit ihm die Plejaden; Mitte / der Nächte, vergeht die Stunde; / doch ich lieg allein danieder." (Fragment LIX, zugeschrieben)

Dass Erhard Grosskopf mit dem Titel seines neuen Orchesterwerkes auf das Siebengestirn und dessen mythologischen Ursprung verweist, mag rein formale Gründe haben, besteht die Komposition doch aus "sieben ähnlichen Stücken" für Klavier und Orchester. Aber wie in anderen Instrumentalwerken Grosskopfs auch, ist hier von einem absichtsvollen Spiel mit außermusikalischen Bezügen auszugehen. Die Plejaden sind als Sternbild der Zeit entrückt, ganz so wie Grosskopfs Werke, gleichwohl als Zeit-Kunst Musik der Zeit verpflichtet, diese zu leugnen scheinen.

Eben nicht finden sich in den "sieben ähnlichen Stücken" musikalische Figuren für Jäger und Gejagte, zielgerichtete Bewegungen und Entwicklungen wird man hier vergeblich suchen. Stattdessen reihen sich agogisch und rhythmisch intern strukturierte Abschnitte aneinander, die in ihrer Harmonik statisch bleiben. So unterschiedlich auch ihre Charaktere sein mögen – die durch Liegeton- oder Auftaktverbindung aufgeweichte Kontrastbildung verweigert sich traditionellem Formdenken. Dieser Verweigerung entspricht auch die Vielzahl von 15 bis 19 Abschnitten in den nur vier Minuten dauernden Sätzen. Wäre der Begriff nicht durch Karlheinz Stockhausen in anderer Weise geprägt, man wollte von Momenten statt von Formteilen sprechen. Ihre Dauer ist in gewisser Weise kontingent: Ihr Material vergegenwärtigt sich in der Zeit, wird aber nicht in dieser gestaltet.

In der Mathematik ist "Ähnlichkeit" eine Eigenschaft geometrischer Abbildungen – zwei Dreiecke sind einander ähnlich, wenn ihre Winkel und damit das Verhältnis ihrer Seitenlängen gleich sind. Die Ähnlichkeit der sieben Sätze von Grosskopfs "Plejaden" liegt in der Konstanz von Form, Besetzung, Tempo und Dauer bei Varianz von Harmonik, Instrumentation und konkreter Material-Behandlung. Jeder Satz eröffnet mit einer rhythmisch (annähernd) gleichförmigen Klavier-Figur in mittlerer Lage, die in zehn bis 13 Tönen bei gehaltenem Pedal decrescendiert. Die unterschiedliche Anzahl der dieser folgenden, rhythmisch isolierten Töne und Tongruppen verwendet einzig das am Beginn exponierte Material. So wird der jeweilige Eingangsakkord in die Zeit gestreckt, erfährt zwar eine Deutung durch die Betonung wechselnder Zentraltöne, wird aber nicht harmonisch entwickelt. Auch die Begleitung der Klaviereröffnung durch vierteltönig alternierte Liegeklänge des Orchesters ist jeweils ähnlich: Unisono oder Intervall, am ersten Klavierton orientiert oder nicht, dynamisch an- und abschwellend oder in einem langen Decrescendo begriffen: Die Varianz liegt im Detail. In den Sätzen IV, V und VI mischen sich auch knappe Intrumental-Einwürfe in das Nachklingen des Klavier-Akkords. Die im Stückverlauf etablierte Verbindung von vierteltönigem Orchester- und diatonischem Klavierpart wird hier bereits am Beginn angekündigt.

Die im Zusammenhang mit den Satzeröffnungen gemachten Beobachtungen lassen sich auf die meisten der nur wenige Takte langen, momenthaften Abschnitte der "Plejaden" wiederholen. Wenn auch im Verlauf der Einzelsätze der unmittelbare Vergleich sich als wenig sinnvoll erweist – schließlich spricht Grosskopf nicht zufällig von ähnlichen Stücken statt von Variationen – sind doch die einzelnen Abschnitte stets von geradezu beharrlicher Material-Ökonomie und formaler Konsistenz geprägt. Beide Merkmale stehen für Grosskopfs Umgang mit der musikalischen Zeit: als Kategorie, in der sich musikalisches Material entfaltet, nicht aber als originärer Gegenstand kompositorischer Gestaltung. So werden die Klänge, den Plejaden gleich, aus der Zeit gelöst und erscheinen als eher geometrisch räumliche Gestalten, deren Wahrnehmung der Zeit bedarf.

© Volker Straebel

email@straebel.de
www.straebel.de

Text für das Programmheft der MaerzMusik 2003 anlässlich der Uraufführung der PLEJADEN am 16.03.2003, Konzerthaus Berlin
Ursula Oppens (Klavier) Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB),
Ltg. Vykintas Baltakas
Konzertmitschntt: DeutschlandRadio Berlin
PFAU Verlag
• ISBN 3-89727-221-0


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