Matthias R. Entress

Mut zum Hören
Uraufführung des Streichquartett Nr.3 von Erhard Grosskopf

... Mit seinem 3.Streichquartett, das am Samstagabend in der Akademie der Künste vom Arditti-Quartett uraufgeführt wurde, hat Erhard Grosskopf eins der raren unbegreiflichen Meisterwerke vorgelegt, wie sie vielleicht nur einmal in zehn Jahren erscheinen, und dann auch nur in der Gattung Streichquartett. Unweigerlich denkt man an Nonos "Fragmente - Stille" und Lachenmanns "Reigen seliger Geister".

Grosskopf, der nie mit Lärm und großer Geste aufgetreten ist, hat sich selbst an Leisheit und Reduktion um seine eigene Länge übertroffen. Ein einziger Satz von 24 Minuten, ein Verhalten in der Stille, eine Konzentration auf mikroskopische Reste des Lebens. Oder Anfänge. Flageoletts, ein langsamer Pizzicato-Kanon und zarteste Verschleifungen durchziehen das ganze Stück. Große Ferne und Höhe. Eine heimliche (und als kompositorisches Internum besser geheim zu haltende) konstruktivistische Strenge hält das spinnwebfeine Gebilde frei von störenden Regungen. Kleine Wirbel am Rande, aber kaum eine Erinnerung an die Welt da unten, ersterbende Anklänge an Melodie, man meint eine einzige vorüberfahrende Polizeisirene zu vernehmen, aber die Welt der Lebenden findet dort nicht statt. Keine Spur von Zerdehnung in den gelassenen Umschichtungen. Die vier Stimmen sind ganz auf sich gestellt. Wie nach unendlichen Zeiten scheint die zweite Geige ins selbe Pizzicatoplucken verstrickt, das einst die Bratsche erfuhr. Ein einziger großer Bogen. Verstörend und wahrhaft befremdend für jene, die nicht wagten, wirklich hineinzuhören oder es nicht konnten, vollkommenes Glück für alle anderen. Mehr kann Musik nicht leisten.

Vorher hatte Heinz-Klaus Metzger über das Unbekannte in der Musik gesprochen. Grosskopfs neues Streichquartett war genau der dort beschriebene Vorstoß ins Nichtgewesene, fern jeder epigonalen Anbindung und sogar der Selbstkopie. Bevor die leisen Variationen langsamer Wendungen sich wiederholen konnten, aber nicht, bevor man ihr Wesen zu ahnen anfing, endeten sie so, wie man sterben möchte, - einfach. Nur Grosskopfs weitaus irdischeres 1.Quartett hatte einen auf diese sanfte Beständigkeit vorbereitet. Vergessen war der ganze Rest des Konzerts ...

02.04.2000
© Matthias R. Entress
Email: entresz@gmx.de

Uraufführung: Streichquartett Nr.3 am 01.04.2000
Evolution of Our Ear VII, Akademie der Künste Berlin
Arditti Quartet


weitere Gedanken • Kommentare zu den Streichquartetten

CD Erscheinungsdatum 2007



Erhard Grosskopf
String Quartets Nos. 1–3
Arditti Quartet

NEOS 10706
© 2007
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