Habakuk Traber

Erhard Grosskopf – Widerschein für Orchester
... das, was einen aus den Augen des anderen trifft, ein Stück der Intensität ...


Im musikalischen Œuvre Erhard Grosskopfs nehmen Orchesterwerke eine überschaubare, aber wesentliche Position ein. Rund ein Fünftel seines Werkverzeichnisses von derzeit 56 Opusnummern machen sie aus. Aber sie besetzen Schlüsselstellen, Nerven- und Knotenpunkte seines Schaffens, reflektieren Erfahrungen, die er in anderen Genres, in der Musik für Ensembles, in der elektronischen Komposition, sammelte.

"Widerschein", im August 1999 vollendet, gehört zu diesen Werken der Sammlung, der Konzentration. Erhard Grosskopf fügte in seine Komposition drei Texte aus alter jüdischer Poesie ein. Drei Sprecher tragen sie chorisch vor, begleiten sich dabei selbst mit dem Klang von Steinen. Die kurzen Zeilen sprechen von der jungen Frau, die ihre Liebe dem gibt, der schön ist – und "schön" meinte für den Dichter des Hohen Liedes nicht nur ein Convenu der Körpermaße, sondern ein Ideal des ganzen Wesens. Sie sprechen von der Einsamkeit des Schmerzes, von Rahel, die ihre Kinder beweint, und vom Licht der Augen, in denen das Leben widerscheint. Sie sprechen von Hingabe, von Verlust, von Glück vielleicht, vom Tiefsten also, was einen Menschen bewegen kann; von der Innenseite des Lebens, die heute meist durch Betriebsamkeit überspielt und überspült wird. Sie sprechen von der Liebe, von der Intensität, und diese meint immer eine Bewegung nach innen.

Gegen Betriebsamkeit stellt sich Grosskopfs Musik. Sie beginnt leise, verhalten, mit Tönen, die sich dem traditionellen Gebot der Reinheit nicht fügen, mit einem Klang, der aus einem dichten Kern und einer lockeren Peripherie besteht. Durch das Spektrum der Obertöne wird die physische Grundgestalt leicht verhüllt, aber nicht verdeckt. Solche Skulpturen, die in wechselnden Ausformungen die Ortungspunkte im großen Raum der Zeit bilden, sind aus der Erfahrung des elektronischen Komponierens gewonnen und übertragen sie zurück auf die Verhältnisse des traditionellen Sinfonieorchesters.

Entsprechendes gilt für die Ereignisse, welche die Musik in innere Bewegung versetzen. Erst sind es nur Impulse der Harfe, des Klaviers und des Schlagzeugs. Sie geben ein Zeitmaß, einen Puls der Musik zu erkennen. Ihre Funktion führen Tonfolgen und Gestalten weiter, die vielfach verändert wiederholt werden. Ihre Zahl, ihre Ausdehnung und ihre Bedeutung steigern sich von Abschnitt zu Abschnitt. Zunächst erfassen diese "Loops" einzelne Instrumente, die Bassklarinette und das Saxophon; dann binden sie zwei oder mehrere Instrumente zu einer Gruppe, in der die einzelnen entweder simultan das Gleiche spielen, oder die Konturen des Loops zwischen sich aufteilen oder sich aus der Gleichzeitigkeit ins Nacheinander, aus der Gemeinsamkeit in einen inneren Dialog lösen. Die Bewegungen greifen Raum. Die "Loops" schreiben Muster der Zeit in den Gang des Werkes und in den Lauf der Sekunden und Minuten. Die Dichte oder Lockerheit, in der sie sich als selbständig organisierte Größen zueinander fügen, macht den großen Atem des Werkes aus. Jeden Abschnitt kennzeichnen dabei verschiedene Gestalten und Konstellationen solcher Loops. Gegliedert aber wird das Werk durch die Texte, die zu stehenden Klängen gesprochen werden. Sie trennen und verbinden die verschiedenen Abschnitte, sie bilden gleichsam die Fixsterne im Zeit-Raum der Musik.

Die Musik erscheint so einerseits als der weite Resonanzraum der Poesie. Er wird vorbereitet, noch ehe die erste Silbe erklingt. Zugleich aber ist die Poesie der Worte eingelagert in die Musik. "Widerschein" dient dabei nicht nur als Chiffre für die Poesie von Grosskopfs Komposition. Der Begriff gibt zugleich wesentliche Strukturmerkmale des Werkes vor. "Widerschein" äußert sich im Verhältnis der rhythmischen Impulse, die am Anfang ein Zeitmaß setzen, zu den kräftigen Akzenten, die im letzten, längsten Abschnitt so etwas wie einen Großrhythmus ausformen. "Widerschein" offenbart sich schließlich auch im Verhältnis der verschiedenen Abschnitte der Komposition zueinander. Denn Widerschein ist nicht Abbild. Widerschein ist, der alten Poesie zufolge, das, was einen aus den Augen des anderen trifft, ein Stück der Intensität.

© Habakuk Traber

Text für das Programmheft von rbb "Musik der Gegenwart" anlässlich der Uraufführung von WIDERSCHEIN
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (DSO), Ltg. Peter Rundel
RBB • Kulturradio, 189.Musik der Gegenwart, 10.05.2003, Berlin



Das Licht ...

Am Weinberg da will
ich meine Liebe geben
dir, der du schön bist.

Wer weinte mit ihr
um die verlornen Kinder,
als Rahel weinte.

Das Licht der Augen,
Widerschein deines Lebens,
leuchtet den Freunden.


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