Hans-Peter Jahn

über SINFONIE – Zeit der Windstille
aus dem Programmheft der Wiederaufführung 2003 / SWR "attacca"

... Grosskopfs Werk breitet bereits 1988 aus, was in der Folgezeit zur Masche werden wollte, weil die Klangflächenkomposiitionen in der Bequemlichkeit des Wohlklangs falsche Werbung für die verlorene Sache der Avantgarde machten. In der Sinfonie gab es längst jene Eintrübungen innerhalb der temperierten Skala, besser gesagt jene Ansätze einer spektralen Klangausweitung, um sich mit dieser in neue Klangerfahrungen einzustimmen.

... Ein insgesamt statisches Feld von übereinandergelagerten Tönen, die immer wieder aufgeraut werden durch hervorstechende, portamentierende Impulse oder durch repetitive, crescendierende Töne, ein liegendes Klangband, durch einen Orchesterapparat in vorsichtiger Bewegung gehalten.

Grosskopfs Partitur zeigt, dass die gesamte Summe der Töne und ihrer Tonhöhenvarianten im Werk einbezogen sind. Also immer ist nahezu alles anwesend, was kompositorisch intendiert ist. Durch Hervorhebung partieller Momente ergibt sich aber neben dem statuarischen Eindruck ein bewegliches Klangfeld und eine harmonische Polyphonie, in welcher Akkorde vertrautester Art in unerwarteter Schichtung eine Art Tiefe in den Klangraum zu erzeugen vermögen. Oder anders gesagt, die andauernde Anwesenheit Cluster geladener Dauerklänge schafft einen Klanghintergrund, der den Vordergrund färbt und zwar so färbt, dass die Vordergründe Korrespondenzen zum Hintergrund entwickeln und damit permeable Strukturen bilden. Erhard Grosskopf will allerdings mit dieser "Zeitstille" – also der aufgehobenen Zeit – von über 35 Minuten nicht vernebelnde, emotional gesicherte Ergebnisse, sondern die exakt auskomponierten Flächen und ihre stationären Unruheherde hörbar machen. Sie zeigen auch ein streng disponiertes Gefälle innerhalb der Klangwandlungen, eine Logik innerhalb des zeitlichen Ablaufs.

In der Sinfonie will Instrumentation nicht als differenzierter Gebrauch einzelner Farben innerhalb eines zeitlichen Kontinuums verstanden sein, sondern als ein permanent präsentes Inventar an Möglichkeiten.

© Hans-Peter Jahn / SWR

aus dem Text des Programmheftes zum Konzert des SWR am 14.11.2003
im Theaterhaus Pragsattel, Stuttgart
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR
Leitung: Peter Rundel
SENDUNG: SWR2, 03.03.2004, 19:05 Uhr


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