Heinz-Klaus Metzger

Erhard Grosskopf: Streichquartett Nr.3

Konstruktive Strenge - Unvorhersehbarkeit
Ist es möglich, konstruktive Strenge einer Komposition, also deren exakte Vorausplanung, so einzurichten, dass dabei dennoch Unvorhersehbarkeit des musikalischen Phänomens selbst geradezu gewährleistet wird? Das paradoxe Experiment, eine solche Dialektik ins Werk zu setzen, hat Erhard Grosskopf unternommen.

Bevor jedoch von der Mehrstimmigkeit seines Streichquartetts Nr.3 die Rede sein kann, muss über die "Mehrschichtigkeit", die ihr vorausging, gesprochen werden. Nicht weniger als sieben Schichten sind es nämlich, deren Gleichzeitigkeit diese Komposition ausmacht, dieweil nur vier Instrumente zu Gebote stehen, sie zu realisieren. Das Problem, sieben Schichten auf vier "Stimmen" umzulegen, bildet indes bloß die Krönung des ganzen Problemturms, den der Komponist hier gleichsam spielerisch konstruiert hat. Zuvörderst wäre dessen Unterbau zu benennen, den die Beschaffenheit der Schichten selber darstellt. Denn sie sind von unterschiedlicher Struktur und Länge, passen infolgedessen nicht aufeinander, müssen einander angepasst, ineinander eingepasst, kurz modifiziert werden, um sich zu einem möglichen kompositorischen Gebilde zu fügen. Das gilt vor allem für die inkommensurablen Zeitprozesse, eine verwirrende Polyphonie verschiedener Maße und Maßstäbe. Deren Versöhnung aber gelang dann eben doch durch Mathematik, und zwar indem die Proportionssequenz 3:4:5, die das ganze Stück durchwaltet, mit dem Faktor 17 multipliziert ward, woraus schließlich drei aufeinander beziehbare Tempi resultieren: MM51 (3x17), MM 68 (4x17), MM 85 (5x17).

Diese komplizierten Verhältnisse hat der Komponist sodann rein rhythmisch auszudrücken gewusst, was ihm vollends verstattete, die gesamte Partitur in einem durchgehenden Viervierteltakt (Viertel MM 60) niederzuschreiben – eine schier unvorstellbare notationsökonomische Leistung.

© Heinz-Klaus Metzger

Text für das Programmheft Festival Ultraschall 2007 anlässlich der Aufführung des Streichquartett Nr.3 mit dem Pellegrini Quartett am 21.Januar 2007 • Sophiensæle, Berlin.
PFAU Verlag
• ISBN 978-3-89727-355-9


Schwebende Zeit
"... und als Hörer ist man aus beiden Systemen der Zeitquantifizierung entlassen, fühlt sich von ihnen befreit. Als Hörer ist man nirgends versucht, zu zählen oder zu messen, sondern man lebt in einer schwebenden Zeit, von der man wünschen würde, dass sie nie enden würde... Beim Hören des Quartetts ist man aus den empirischen Zwängen befreit. Und das versteht man sehr schnell. Man braucht nur ein paar Sekunden, um sich umzustellen, von der Zeit, aus der man kommt, in der man gelebt hat, bis die Aufführung des Stücks beginnt, und der Zeit, in die man jetzt durch das Stück eintritt..."

Heinz-Klaus Metzger

Gespräch anlässlich der Ursendung des Streichquartett Nr.3 mit dem Arditti Quartett • Deutschlandradio Kultur, 2005.


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