Erhard Grosskopf

MUSIKZEIT - Zeiträume eher als Zeitfäden
Zur Zeit- und Harmoniestruktur der Streichquartette Nr.1 und Nr.3

Eine Musikpartitur ist üblicherweise so notiert, dass wir vertikal die Klänge und horizontal die Zeit ablesen können, wobei vielfältige Möglichkeiten für Zeichen und Methoden bestehen. Die Organisation in Takten und das Fortschreiten in deutlich empfundenen Taktschlägen hat zu einer Vorstellung von Musik geführt, in der die Ereignisse des Klanges wie auf eine Schnur der Zeit aufgezogen sind. Um zu einer ganz anderen Vorstellung von Musik zu gelangen, muss man sich nur eine Situation denken, bei der Klänge ohne deutliche zeitliche Veränderung an verschiedene Stellen eines Raumes gesetzt sind, so dass die möglicherweise entstehende Musik nicht an unseren Ohren vorbeizieht, sondern wir uns in ihr wie in einem Raum bewegen. Zwischen beiden Zuständen gibt es viele Stufen, und es zeigt sich, dass nicht nur die von mir zur Vereinfachung vorher benutzten Begriffe Taktschlag und Raumklang bestimmend sind, sondern in der musikalischen Struktur selbst, auch unabhängig vom Aussenraum, Voraussetzungen für eine der beiden Vorstellungen angelegt sind.

Zuerst im Zusammenhang mit elektroakustischen Kompositionen, die ich im Institut für Sonologie der Universität Utrecht (1971/72) produzierte, später auch in meiner Instrumentalmusik, entwickelte ich Prozessmusik, eine Musik wechselnder Konstellationen, in der - im Gegensatz zum traditionellen Akkord- oder Ereignisdenken - eine Methode charakteristisch ist, die harmonische Konstellationen in einem vielschichtigen Zeitprozess sich überlagernder Loops entstehen lässt. Da hier die Klänge nicht durch funktionelle Dramaturgie sondern durch die Logik des mehrschichtigen Prozesses zusammengeführt werden, entstehen Zeiträume eher als Zeitfäden. Eine Musik, die im Klang Faszination hervorbringt, hat fast immer eine gewisse Zeitlosigkeit: ich vergesse diese Sekundenzeit, es ist vielmehr ein räumliches Gefühl: eine Minute Musik kann da denselben Raum entstehen lassen wie ein Stück von fünf oder zehn Minuten.

Elemente des Prozesses bilden Zeitproportionen und Obertonreihen, deren Treffpunkte und harmonische Konstellationen durch keine Formel vorherberechenbar sind, sondern der Ablauf des Prozesses ist Ergebnis und Formel zugleich: Chaotische Zustände, herbeigeführt durch Addition gleicher Zeitproportionen (Loops), die dann, wenn dadurch ein Treffpunkt hervorgebracht wurde, ihren Wert verändern und dem System neue Schwingungen oder Schwankungen beibringen - oder durch Zufallsoperationen, die für Überraschungen in den harmonischen Konstellationen sorgen. Es stellte sich heraus, dass diese Methode, die doch von periodischen Bausteinen ausging, zu einem aperiodischen Ergebnis geführt hat. Ein Treffpunkt, der die Anfangssituation wieder hervorbringt, wäre der letztmögliche Endpunkt der Komposition.

Der das Streichquartett Nr.1 bestimmende Zeitprozess, seine vierschichtige Zeitkonstruktion, beruht auf Loops von 2, 3, 4 und 5 Werten und ist so angelegt, dass sich am Ende des ersten Teils alle Stimmen treffen. Dieser allgemeine Treffpunkt wird gewissermassen festgehalten - "Moment, ins Ungewisse geöffnet" - , indem die letzte Situation vor dem Treffpunkt für den zweiten Teil bestimmend wird. Die Zeitwechsel werden hier durch ihre Extreme beherrscht: Eine betonte Linie mit den Werten 1, in diesem Fall Achtel, die zwischen allen Instrumenten wandert, ist das eine Extrem, das andere der längste Wert von 19/8, der mit dem Taktmass identisch ist. Erst bei einem weiteren Treffpunkt aller Loops, der dem Haupttreffpunkt am Ende des ersten Teils vergleichbar ist, wird die am Anfang begonnene Zeitkonstruktion mit 2, 3, 4 und 5 Werten der Loops mit dem dritten Teil fortgesetzt.

Wie die Zeitkonstruktion so ist auch die harmonische Anlage für die ganze Komposition bestimmt. Die Quellen für das Tonmaterial sind drei Obertonreihen. Im ersten Teil wird dieses Material linear entwickelt - in der Art eines Kanons - mit geringen Abweichungen für die Violinen nach oben und für die Viola und Violoncello nach unten. Im zweiten Teil entstehen harmonische und rhythmische Konstellationen durch die wechselnde Auswahl von Tönen aus den Obertonreihen, für jedes Instrument verschiedene Töne und in unterschiedlicher Reihenfolge der drei Quellen. Für den letzten Teil hat jedes Instrument eine eigene Tonreihe, die sich wie ein langes Loop, jedoch mit unterschiedlichen Rhythmen wiederholt.

Streichquartett Nr.1 ist dem Arditti Quartet gewidmet und wurde 1984 in Darmstadt bei den Internationalen Ferienkursen uraufgeführt.

Das einsätzige, 25minütige Streichquartett Nr.3 besteht aus sieben Zeit-Harmonie-Prozessen, von denen drei gemeinsam eine kontinuierliche Variation von 3, 4 und 5 Tönen bilden. Die übrigen Prozesse haben Töne aus vier Obertonfeldern zur Verfügung und sind im Zeitbereich zu zwei Doppelprozessen kombiniert, wobei aus je zwei unterschiedlichen Tempi ein neues gemeinsames Tempo errechnet wird. Sie bestimmen gegenüber dem anfangs erwähnten Kontinuum die nach aussen hin stärker wahrnehmbaren Wechsel von Klangfarben, Rhythmus und Lautstärke.

Der innere Raum der Musik entsteht in ihrer Zeitkonstruktion - gewissermassen das Gebäude der Klänge - und, untrennbar davon, durch die chaotisch sich bildenden Konstellationen der Klänge, was hier soviel wie Unvorhersehbarkeit, Freiheit sowohl von Funktionalität wie von Wirkungsdramaturgie bedeutet. Das von mir entwickelte System der Zeitstruktur erfüllt diese Bedingungen ähnlich wie ein vielteiliges Pendelsystem. Ich glaube, dass Klänge, wenn sie erscheinen, eine eigene Bedeutung bekommen. Sie enthalten eine Art Zeit-Energie, die in Verbindung mit den Klangkonstellationen mehrschichtiger Prozesse die Musikzeit in eine räumliche Dimension überführt.

Streichquartett Nr.3 ist Heinz-Klaus Metzger gewidmet und wurde 2000 in der Akademie der Künste, Berlin vom Arditti Quartet uraufgeführt.




Erhard Grosskopf
String Quartets Nos. 1–3
Arditti Quartet


NEOS 10706
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